„Das Podest“

Das Podest wurde von den anderen erbaut. Es entstand aus Erwartungshaltungen und lächerlichen Einschätzungen.

„Ach du bist so stark, du schaffst das eh alles so wie immer“, „wenn jemand, dann du“ und „da mache ich mir bei dir überhaupt keine Sorgen“ – sie hörte es immer wieder. Die Stufen wurden immer mehr, ihre Enttäuschung immer größer. Denn kaum einer hörte noch zu. Hörte nicht ihr lautes Schreien. Bemerkte nicht ihre Qual. Und bemerkte nicht ihren Hass. Weil es bequemer ist, wegzuschauen.

Der Stempel einer Größe kann aber auch erdrücken. Er wiegt schwer auf den Schultern. Und oben auf dem Podest ist kein Platz für so viel Last. Stärke bedeutet auch zu wissen, das man nicht immer stark sein kann. Und sie beschloss, dieses Podest zu verlassen. Sie brach alle Brücken ab und begab sich in den Rückzug. Hinein in ihr selbst erschaffenes Schneckenhaus . Das Podest betrachtete sie aus der Ferne. Es trotzte dem Wind, dem Regen, dem Sturm. Es blieb unversehrt, denn es war tatsächlich sehr stark.

Ab und zu kommt sie her und steigt hoch hinauf. Aber sie entscheidet das selbst. Nicht die anderen. Denn ein Freigeist tanzt lieber auf den Bühnen dieses wunderbaren Lebens.

AYO