„Rückzug“

Anfang November war ich für ein paar Tage zur Kur an der Nordsee. Ich befand mich gefühlt „am Ende der Welt“ und wollte dort zur Ruhe kommen.

Mein Lieblingsort war ein schmaler Damm, der sich 2,4 km in das Meer hinauszieht. Bei Flut ist man umgeben von Wassermassen und eisigem Wind. Im Grunde steht man dann mitten in der See. Dieser sehr schmale Pfad gestaltete sich am Ende als der einzige Ort, an dem ich sehr gerne war. Dorthin flüchtete ich, jeden Tag, wenn alles zu viel wurde.

Am Ende des Weges musste ich jedes Mal auch wieder zurück gehen. Wenn es einem nicht gut geht, kann sich das manchmal als bewusste Entscheidung heraus stellen. Und ist nicht immer ganz einfach. Denn viele Dinge kamen dort auf einmal hoch. Los-Lassen wurde zu meiner Königs-Disziplin. Und wieder zurück, in der Einrichtung mit all seinen vielen lauten Menschen, warst du mein Anker. Ohne danach zu streben. Ohne jegliche Aufregung. Du warst einfach da, mit deiner Ruhe und Kraft. Hast mich gewähren und toben lassen. Hast nicht gewertet, nur zugehört. Mit mir heimlich Wein aus Pappbechern getrunken und so viel gelacht. Mich vor wilden Blumen-Verehren gewarnt. Mir dein Geld gegeben, nachdem ein anderer es mir weggenommen hatte. Und jeden Abend haben wir zusammen mit unseren Kindern gezockt.

Zur Ruhe kam ich dort nicht. Aber ich habe trotzdem etwas mitnehmen dürfen: die schönsten und kostbarsten Verbindungen sind die, die auf einem Selbstverständnis und Vertrauen beruhen.

Für dich, Michaela, in tiefer Dankbarkeit. AYO